Schulverpflegung im Schwalm-Eder-Kreis
Leitfaden für Entscheidungsträger an Schulen des SEK
Mit der Ausweitung von Ganztagschulangeboten stellen sich sowohl für den Schulträger als auch für die Schulgemeinden eine Reihe von zusätzlichen und neuen Aufgaben:
Eine davon ist die Gewährleistung eines warmen Mittagstisches.
Nach den Vorgaben des hessischen Kultusministeriums muss sichergestellt werden, dass den Kindern ein warmes Mittagessen angeboten werden muss, wenn sie über die Mittagszeit an der Schule verweilen.
Diese Aufgabe für die Verantwortlichen in den Schulen zunächst eine zusätzliche organisatorische Aufgabe.
Vor dem Hintergrund zunehmender ernährungsbedingter Erkrankungen in unserer Gesellschaft liegt darin aus der gesellschaftlichen Perspektive aber zugleich eine Chance, um zur Lösung eines großen Zukunftsproblems beizutragen.
Im Rahmen eines vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Auftrag gegebenen Modellprojekts wurden die nachfolgenden Vorschläge entwickelt, wie diese Aufgabe an den Schulen des Schwalm-Eder-Kreises beispielgebend für Schulen im ländlichen Raum umgesetzt werden sollten.
Der Schwalm-Eder-Kreis als Schulträger unterstützt diese Empfehlungen.
Der Projektleiter des Modellprojekts steht den Verantwortlichen in den Schulen gern beratend zur Verfügung.
:
Grundsätze der Schulverpflegung im Schwalm-Eder-Kreis
1.) Die Qualität des Essens soll die Gesundheit und Leistungsfähigkeit fördern
2.) Die Schulverpflegung soll als praktischer Ansatzpunkt zur Vermittlung von Ernährungswissen und –
Kompetenz genutzt werden (können)
3.) Die Schulverpflegung soll dazu beitragen, Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten im regionalen Wirtschaftsgefüge (von der Landwirtschaft bis in die Küchenbetriebe) zu sichern und auszubauen.
1.) Anforderungen an die Qualität des Essens
a) Ernährungspysiologische Grundsätze
Schulverpflegung soll die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Kinder fördern.
Entsprechend wurden von Ernährungswissenschaftlern und mehreren Fachinstitutionen aktuelle Empfehlungen für die Zubereitung entwickelt und erprobt.
Das Verpflegungskonzept „OptimiX“ ist inzwischen als Standardempfehlung allgemein anerkannt. Diese Regeln sollten auch an den Schulen im SEK von den Küchenbetrieben bei der Speiseplangestaltung eingehalten werden. Frisches Obst und Gemüse sind dabei besonders wichtig.
Besondere Aufmerksamkeit sollte auf die Bereitstellung und den Verzehr von frischem und frisch zubereiteten Obst und Gemüse gelegt werden. Mit diesen Bestandteilen wird dem latenten Mangel an vitalen Nährstoffen effizient entgegengewirkt:
- 70% der Lebensmittel in der heute üblichen Ernährung werden in der industriellen Weiterverarbeitung sterilisiert, pasteurisiert, raffiniert, geschält, gekocht bestrahlt oder begast. Damit gehen viele Vitamine verloren.
- Substanzen wie Pestizide, Plastikweichmacher, Nitrite, Treibmittel, Farbstoffe, Antibiotika, Hormone, Cortison, Betablocker, die mit oder neben der Nahrung aufgenommen werden, verbrauchen zusätzliche Antioxidantien und Mikronährstoffe aus der Nahrung.
- Die Böden sind durch die intensive Nutzung ausgelaugt. Zurück bekommen sie durch die Düngung nur eine Teil des gesamten Spektrums der Nährelemente.
- Während der Lagerung und des Transports verlieren Obst und Gemüse einen Teil ihrer Vitamine und Mikronährstoffe. Selbst aus den verpackten Konserven geht 1% der Nährstoffe pro Monat verloren. Bei Tiefkühlware sind es 3%.
- Salat und Gemüse verlieren nach der Zerkleinerung durch den Kontakt mit Licht und Sauerstoff pro Stunde ca. 30% der empfindlichen Vitamine, Tomaten im geschnittenen Zustand sogar 50% des wertvollen Stoffs Lycopen.
b). Herstellungsverfahren: Vorzug für regionale Warmverpflegung
Unter verschiedensten Qualitätsaspekten wäre die frische Zubereitung, möglichst noch unter Beteiligung der Kinder mit selbst geernteten Rohwaren die beste Variante.
Abgesehen vom organisatorischen und personalen Aufwand ist diese Methode jedoch unter den gegebenen gesetzlichen Vorschriften kaum realisierbar.
Deshalb bietet sich für die Schulen im Schwalm-Eder-Kreis die Zusammenarbeit mit externen Küchenbetrieben an, die das Schulessen frisch zubereiten und auf möglichst kurzen Wegen anschließend in der Schulkantine ausgeben. Diese Verpflegungsstrategie erlaubt zugleich die Rückführung von anfallenden Essensresten in regionale Biogasanlagen. Ausgerichtet auf dieses Verfahren werden die Schulkantinen des Kreises technisch ausgestattet.
c.) Saisonale Lebensmittel in Bioqualität aus regionaler Erzeugung
Zur Gewährleistung von Frische, Schmackhaftigkeit und innerer Qualität empfiehlt sich die Verwendung von saisonalen Rohwaren aus ökologischen Anbauverfahren. Die ernährungsphysiologischen und ökologischen Vorteile sind inzwischen weithin anerkannt. Die Mehrkosten sind bei einer sinnvollen Gestaltung der Speisepläne und einer systematischen und effizienten Organisation der Warenströme wesentlich geringer als weit verbreitete Vorurteile vermuten lassen. Die geringfügigen Mehrkosten sind durch die qualitativen Vorteile vermittelbar.
Darüber hinaus bieten Ökobetriebe sowohl mit Blick auf das Warenspektrum als auch mit Blick auf eine Zusammenarbeit im Bildungsbereich oft eine breitere Grundlage als spezialisierte, konventionell wirtschaftende Betriebe.
2.) Schulverpflegung als Ansatzpunkt für erlebnisorientierte Ernährungsbildung
Bei der Analyse der Ursachen für die zunehmenden fehlernährungsbedingten Erkrankungen wurde festgestellt, dass die traditionelle Vermittlung von ernährungsrelevantem Wissen und entsprechende Kompetenzen in den Familien aus verschiedensten Gründen immer gewährleistet ist. Folglich müssen die gesellschaftlichen Bildungseinrichtungen verstärkt diese Aufgabe übernehmen.
Zugleich ist es notwendig, diese Aufgabe frühzeitig und mit zeitgemäßen Bildungsmethoden anzugehen .
Die Nähe und Transparenz der Lebensmittelherkünfte sollte dazu genutzt werden, um in einer Kooperation zwischen Schulen und den beteiligten Akteuren von der Landwirtschaft bis in den Küchenbetrieb das alltägliche Essen auf dem Teller in der Schule als Ansatzpunkt für praxis- und erlebnisorientierten Unterricht zu nutzen
Diese Chance, den Kindern nachvollziehbar die Bezüge zwischen dem alltäglichen Essen, der Herkunft und dem Herstellungsprozess zu vermitteln, bietet die besten Voraussetzungen, um im Rahmen der schulischen Möglichkeiten nachhaltig auf das Ernährungsverhalten der Kinder Einfluss zu nehmen.
3.) Sicherung und Ausbau von regionalen Arbeitsplätzen
Das Thema Schulverpflegung muss auch unter ökonomischen Gesichtspunkten diskutiert werden. Dabei sind aus der Perspektive der Schulen und insbesondere der Eltern, die die Schulverpflegung bezahlen müssen, zunächst die Essenspreise von Bedeutung.
Bei der Abwägung der Preis- und Lieferantenwahl sollten aber nicht nur der gesundheitliche Wert und die potentiellen Möglichkeiten einer guten Ernährungsbildungsarbeit, sondern auch die regionalen ökonomischen Effekte (Arbeit und Einkommensbildung) berücksichtigt werden.
Die Schulverpflegung wird in den nächsten Jahren eine relevante wirtschaftliche Bedeutung erhalten. Zusammen mit dem zu erwartenden Bedarf in Kindergärten und Kindertagesstätten im Schwalm-Eder-Kreis wird die Mittagsverpflegung von Kindern in öffentlichen Einrichtungen einen Jahresumsatz von ca. 3 Mio € erreichen.
Mit einer vorausschauenden ,systematischen Entwicklung dieser „Zukunftsmärkte“ kann damit eine nennenswerte Zahl von Arbeitsplätzen in der Region gesichert und neu geschaffen werden.
Ohne Berücksichtigung dieser Zusammenhänge wird der Schulverpflegungsmarkt den Prozess der „Entregionalisierung“ der Lebensmittelmärkte beschleunigen.
Damit einher geht auch ein beschleunigter Abbau von Arbeitsplätzen in der Region von der Landwirtschaft bis zu den Küchenbetrieben.
Durch eine kreisweit koordinierte, kooperative und kreative Gestaltung dieser gesellschaftlichen Aufgabe unter Einbeziehung vieler Akteure im Kreis, insbesondere auch aus dem Bereich der sozialintegrativen Einrichtungen, kann es gelingen, sowohl im pädagogisch/gesundheitspolitischen Bereich als auch im ökonomischen Bereich
„win-win-Effekte zu erzielen.
Unter Abwägung aller Vorteile dieses Gesamtkonzepts ist es schlüssig und notwendig, einen vordergründig geringfügig höheren Essenspreis „in Kauf zu nehmen“ und mit Blick auf die positiven Effekte und Chancen offensiv zu vertreten.
Berechtigte Einwände, die aus der sozialen Verantwortung für einkommensschwache Familien resultieren, sollten mit anderen gesellschaftlichen Ansätzen gelöst werden.
Praktische Tipps
Entscheidungskriterien für Schulen bei der Auswahl der Küchenbetriebe:
1) Welche Erfahrungen/Referenzen haben die Anbieter in der Schulverpflegung?
2) Wie sehen die Speisepläne aus ? (Lassen Sie sich Wochenpläne und Saisonpläne vorlegen)
3) Nach welchen Regeln wird gekocht/ zubereitet ?
4) Welchen Stellenwert haben frisches Obst und Gemüse ?
5) Wie wird Frische und ( biologische) Qualität gewährleistet? ( Lassen Sie sich erläutern , wie und wo die Rohwaren beschafft werden. Bestehen Sie darauf, dass sich der Küchenbetrieb von unabhängigen Stellen zertifizieren lässt und vereinbaren Sie die regelmäßige Vorlage der Zertifikate.
6) Welche Sekundärkosten sind mit dem Essensangebot verbunden? (z.B. Personalkosten bei:
- der Essensausgabe,
- bei der Kinderbetreuung,
- bei der Vor- und Nachbereitung im Küchenbereich (Reinigung, Spülen
- Verwaltungskosten bei der Abrechnung des Essens,
- Sachkosten für Energie, Müll, Entsorgung von Speiseresten etc.
7) Welche Dienstleistungen kann der Küchenbetrieb zusätzlich zur Essensherstellung anbieten? (z.B. bei der Essensausgabe, bei der Vor- und Nachbereitung (Reinigungsdienste, Entsorgung von Essensresten)
8) Wie kann das Essensangebot verknüpft werden mit dem Unterricht? (Können MitarbeiterInnen des Küchenbetriebs eingebunden werden? Können die Zulieferbetriebe aus der Landwirtschaft und der Verarbeitung eingebunden werden ?)
9) Welche ökonomischen und ökologischen Effekte sind in der Region mit dem verbunden ? ( Arbeits- und Einkommenswirkungen)
10) Sind die Preisforderungen unter Abwägung aller Aspekte in der Schulgemeinde vermittelbar?
Fairer Handel und Regionalvermarktung
- zwei Seiten einer Medaille -
Die Situation in der Landwirtschaft hier und dort
„ Wir sind überzeugt, dass wir in Einer Welt leben und die Landwirte im Süden auch gerechte Preise erhalten sollen. Die Situation in der Landwirtschaft hier und dort ist in vielen Punkten ähnlich. Wir kleineren Betriebe kämpfen oft ums Überleben und müssen uns den Weltmarktpreisen beugen.“ Diese Äußerung von Christine Rodenberg, Inhaberin eines Hofladens, zeigt Parallelen zwischen dem Fairen Handel und der hiesigen Vermarktung regionaler Produkte.
Was auf den ersten Blick erstaunen mag, leuchtet ein, wenn man sich die Bedingungen, unter denen hier wie dort Nahrungsmittel erzeugt werden, näher ansieht: Meist sind es kleinere Betriebe oder Genossenschaften, die sich für eine nachhaltige und sozial verträgliche Produktion entschieden haben. Sie vermarkten ohne Zwischenhandel, produzieren überwiegend ökologisch und tragen damit zum Erhalt der Umwelt bei. Für die Kundinnen und Kunden ist nachvollziehbar, wie die Betriebe arbeiten - eine Transparenz, die Vertrauen in die Qualität der Erzeugnisse schafft. Regional- oder Direktvermarkter brauchen einen fairen Preis für ihre Erzeugnisse, vom Weltmarktpreis unabhängiger zu werden.
Und nicht nur, dass sich die Produktionsbedingungen ähneln, es lassen sich im Interesse der Erzeuger und der Konsumenten wertvolle Synergien schaffen. Produkte aus Entwicklungsländern - Reis, Kaffee, Tee, Kakao oder Bananen - stellen für die deutschen Landwirte keine Konkurrenz dar. Im Gegenteil: Sie sind eine optimale Ergänzung und Aufwertung der Sortimente von Hofläden oder Hofcafés. Auf der anderen Seite können Weltläden regionale Produkte wie Apfelsaft in ihr Sortiment fair gehandelter Waren aufnehmen.
Hier stehen wir erst am Anfang. Demnächst finden Sie hier Beispiele, wie sich Fairer Handel und Regionalvermarktung miteinander kombinieren lassen. Als Anregung für viele weitere, lohnende Initiativen.
Direktvermarkter - eine Recherche für die Modellregion Hannover
Der VEN hat eine Recherche in Auftrag gegeben, um für die Modellregion Hannover – Hildesheim- Göttingen Direktvermarkter zu ermitteln, die bereits fair gehandelte Produkte in ihren Hofläden vermarkten oder sich für den Fairen Handel einsetzen möchten. Zudem wurden Hofcafés in der Modellregion ermittelt, die sich dem öko-fairen Gedanken verschrieben haben oder zukünftig faire Produkte anbieten möchten.
Hier können Sie den den Abschlussbericht der Recherche als pdf-Datei (100 kB) herunterladen. (download)
Hier können Sie eine Liste der o.g. Hofläden und Cafés als pdf-Datei (85 kB) herunterladen. (download)
Der Schwerpunkt „Fairer Handel und Regionalvermarktung“ wird finanziell von der Niedersächsischen Lottostiftung Bingo Lotto, der Niedersächsischen Umweltstiftung, dem evangelischen Entwicklungsdienst durch den ABP und dem Bistum Hildesheim gefördert.
Ökofaire Produkte auf den Speiseplan
Eine Chance für Großküchen
Das Projekt »Mahlzeit« von Brot für die Welt
Ökologische Regionalprodukte und Lebensmittel aus Fairem Handel sind im Sinne der Agenda 21 und ergänzen sich hervorragend auf dem Speiseplan einer jeden Küche. »fairstärkung für Niedersachsen« unterstützt deshalb das Projekt »Mahlzeit« von Brot für die Welt.
Zwar ist der Anteil an Produkten aus ökologischem Anbau und Fairem Handel in Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung noch verhältnismäßig gering, doch es gibt immer mehr Beispiele, die zeigen, dass Großküchen trotz vielfältiger Zwänge und Kostendruck durchaus neue Wege gehen können.
Brot für die Welt möchte mit der Aktion »Mahlzeit« Kantinen, Gastronomiebetriebe und Gemeinschaftsverpflegungen dafür gewinnen, mehr ökofaire Produkte einzusetzen. Im Vordergrund steht dabei, ökologische und fair gehandelte Lebensmittel durch Genuss und leckere Gerichte schmackhaft zu machen. Das Angebot für Gäste und/oder MitarbeiterInnen wird dadurch qualitativ verbessert und ein Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung im Sinne der Agenda 21 geleistet.
Wer wird aktiv?
Köche und Köchinnen, KüchenleiterInnen, KantinenbetreiberInnen, Großküchen, Mensen, Betriebsräte, MitarbeiterInnen öffentlicher Einrichtungen und von Großbetrieben, Gäste und Speisende
So geht es
Die Umstellung in den Küchen kann sicher nicht in kurzer Zeit und schlagartig erreicht werden. Mit vertretbarem Aufwand können Kantinen oder Gastronomiebetriebe jedoch durchaus Aktionswochen durchführen, in denen fair gehandelte, regionale und ökologisch hergestellte Produkte angeboten werden. Sie können auch zunächst nur ein Gericht anbieten, das diese Kriterien erfüllt. Fragen Sie Ihren Küchenchef nach fair gehandelten Nahrungsmitteln!
Tipps für Großküchen finden Sie in einer Loseblattsammlung, die die wichtigsten Punkte für die Planung und Durchführung einer Mahlzeit-Aktionswoche zusammenfasst. Darunter sind Beispiele für Wochenspeisepläne in verschiedenen Jahreszeiten, Einkaufsadressen und Literaturtipps. Für die begleitende Öffentlichkeitsarbeit stellt Brot für die Welt verschiedene Medien wie Tischaufsteller, Saisonkalender und eine Plakatserie zur Verfügung.
Quelle: Brot für die Welt
»fairstärkung für Niedersachsen« plant für den Herbst 2001 einen landesweiten Kantinentag, bei dem faire Lebensmittel auf den Tisch kommen. Zur Vorbereitung bieten wir einen Workshop an. Melden Sie sich an!
Mahlzeit Service
c/o Fakt
Franziska Krisch
Gänseheidestraße 43
70 184 Stuttgart
Telefon 07 11/ 2 10 95-25
Telefax 07 11/ 2 10 95-55
mahlzeit@fakt-consult.de
www.projekt-mahlzeit.de
„Biologisch und regional vom Acker bis auf den Teller“
Dietmar Groß
Schulverpflegung und Ernährungsbildung im Schwalm-Eder-Kreis/ Hessen
Zur Verbesserung der Bildungs- und Betreuungssituation von Kindern und Jugendlichen sollen bis 2008 in Deutschland 10 000 Ganztagsschulen eingerichtet werden.
Damit stehen Schulträger (Landkreise, Städte, private Träger) und Schulge-meinden vor völlig neuen Aufgaben, für die weder das Verwaltungs- noch das Lehrpersonal ausgebildet sind. Ganztagsschulen sollen u.a. eine warme Mittags-verpflegung anbieten.
Die Ansprüche an die Schulverpflegung sind hoch: Vor dem Hintergrund zunehmender fehlernährungsbedingter Erkrankungen soll die Schulverpflegung gesundheitsförderlich und preiswert sein und zugleich von Kindern gern gegessen werden und darüber hinaus möglichst noch verknüpft werden mit pädagogischen Aufgaben und Maßnahmen im Bereich der Ernährungsbildung.
Die Einrichtung von Mittagstischen in Schulen und anderen Ganztags-betreuungseinrichtungen wird den Trend zur Außer-Haus-Verpflegung (AHV) erheblich beschleunigen. Damit verändern sich notwendig die Wertschöpfungs-ketten von der Erzeugung bis auf den Teller.
Ausgedrückt in Geldeinheiten wird allein die Mittagsverpflegung bundesweit an Schulen ein jährliches Umsatzvolumen von ca. 500 Mio. € auslösen . Betriebswirtschaftlich begründete Trends in der AHV berücksichtigen immer weniger regionale Warenströme. Selbst in ländlichen Regionen wird der Zusammenhang zwischen Ernährung und Kulturlandschaft immer mehr aufgelöst.
Was hat die Schulverpflegung mit regionalen Wirtschaftskreisläufen zu tun?
Wie kann es gelingen, die Schulverpflegung als Ansatzpunkt zu nutzen, um regionale Wirtschaftskreisläufe zu stärken und mit nachhaltigen Wirtschafts-methoden im ländlichen Raum zu verbinden?
Im Rahmen eines Modellprojekts hat eine Projektgruppe der Uni Kassel unter Leitung von Prof. Dr. Poppinga (Fachbereich Ökologische Agrarwirtschaft) in Zusammenarbeit mit dem Ökologischen Schullandheim Licherode den Aufbau einer regional-biologischen Schulverpflegung konzipiert und gemein-sam mit regionalen Akteuren ansatzweise realisiert .
Aus dieser Zusammenarbeit wurden Vorschläge abgeleitet, wie die bundesweit anstehende Aufgabe der Einführung einer warmen Mittags-verpflegung an Schulen und anderen ganztägigen Betreuungseinrichtungen im regionalen Kontext gelöst werden kann.
Biolandbau in regionalen Wirtschaftskreisläufen ist unbestritten eine besonders umweltverträgliche Form der Landwirtschaft. Biolebensmittel sind allerdings im Regelfall teurer, insbesondere dann, wenn auf besondere Merk-male der Prozessqualität „bio“ wie z.B. Regionalität und handwerklich/ bäuerliche Formen von Erzeugung und Verarbeitung geachtet werden soll.
„Mehr Bio“ in der Schulverpflegung erfordert deshalb eine offensive Aus-einandersetzung mit der Frage nach dem Mehrwert dieses Angebots, um höhere Preise im Vergleich zu konkurrierenden Alternativen realisieren zu können.
In der offensiven Auseinandersetzung um den „Mehrwert“ gibt es erfolg-versprechende Ansatzpunkte, um über eine Preis- und Wertdiskussion zu sinnvollen Lösungen zu kommen.
• Schulverpflegung ist eine öffentliche Aufgabe, die entsprechend von vielen Beteiligten unter Abwägung verschiedener Belange organisiert werden muss. Hier sind die Aussichten (gerade in der Startphase) nicht schlecht, „wertgebende“ Komponenten zu verankern, die aus einem regionalen Gesamtkonzept resultieren.
• Schulverpflegung kann nicht nur gesund satt machen, sondern auch als sinnlicher Ansatzpunkt für praktische Ernährungsbildung dienen. Hier bieten sich gute Möglichkeiten, um den Schulen mit dem Verpfle-gungskonzept praktische Vorteile zur Unterstützung ihrer pädagogischen Aufgaben anzubieten.
• Schulverpflegung kann dazu dienen, wichtige Sozialfunktionen, für die i. d. R. auch der Schulträger in der Verantwortung steht, sinnvoll in ein abgestimmtes Gesamtkonzept zu integrieren. So können Menschen mit „Handicaps“ im Rahmen von Integrationsbetrieben Beschäftigung finden (Gemüseaufbereitung, Kartoffelschälen). Jugendliche können in entsprechend ausgerichteten Ausbildungsküchen beruflich qualifiziert werden.
• Arbeit und Einkommen bleiben damit in der Region.
• Die Bewirtschaftung der Kulturlandschaft in einer umweltschonenden Weise wird damit sichergestellt.
• Tiere werden nicht in Massen, sondern in überschaubaren Größenord-nungen artgerecht und in Verbindung mit der Kulturlandschaft gehal-ten und gefüttert,
• und auf handwerkliche Weise schonend geschlachtet und verarbeitet.
• Der Erfolg dieser wertorientierten Auseinandersetzung mit dem Preis der Schulverpflegung setzt voraus, dass
• in der Region Grundstrukturen zur Versorgung von Schulen vorhanden sind oder zeitnah geschaffen werden können,
• ein wirksames Netzwerk von Meinungsbildnern in der Region existiert oder geschaffen werden kann, um die Entscheidungsträger in Schulen und beim Schulträger zu erreichen.
• klare und nachvollziehbare Regeln verabredet werden, die sicherstellen, dass „Marktversprechen“ eingehalten und überprüfbar sind. Diese Regeln basieren auf der rechtlich vorgeschriebenen EU-Biokontrolle, müssen aber durch einen regelmäßigen, direkten Dialog zwischen den beteiligten Akteuren „lebendig“ gestaltet werden. (Jahresgespräche, Betriebsbesuche)
Der Schwalm-Eder-Kreis ist ein vergleichsweise stark landwirtschaftlich geprägter Landkreis im nördlichen Teil Hessens. 4,5% der Erwerbstätigen arbeiten in der Landwirtschaft.
Im Kreisgebiet wirtschaften 40 Biobetriebe und bieten – im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft, wo die Spezialisierung auf wenige Betriebs-zweige weit vorangeschritten ist – eine breite Palette landwirtschaftlich/ garten-baulicher Erzeugnisse.
Bestimmend für die Struktur der Biobetriebe im Schwalm-Eder-Kreis ist die große Bedeutung, die die Direktvermarktung in diesem Bereich nach wie vor hat. Darin liegt zugleich die Chance, den Zukunftsmarkt „Verpflegung von Gemeinschaftseinrichtungen im öffentlichen Bereich“ mit einem regional abgestimmten Konzept zu bedienen.
Ein besonderes Merkmal des Ökolandbaus im Schwalm-Eder-Kreis ist das Engagement von sozialen Einrichtungen, die Menschen mit verschiedenen Handicaps im Bereich Ökolandbau/ artgerechter Tierhaltung sowie in ange-gliederten Bereichen der Weiterverarbeitung (Gemüseaufbereitung, Kartoffel-verarbeitung, Eierverpackung, Fleischverarbeitung) betreuen.
Die Milch der Biobetriebe, sofern sie nicht von Hofkäsereien weiter-verarbeitet wird, erfasst, verarbeitet und vermarktet eine regionale Bauernmolkerei im benachbarten Landkreis und stellt ein umfangreiches Sortiment an großküchentauglichen Milcherzeugnissen zur Verfügung.
Für Logistikaufgaben und zur Ergänzung des regionalen Angebots ist ein Naturkostgroßhandelsunternehmen in der Region präsent.
Ein weiteres vorteilhaftes Strukturmerkmal im Schwalm-Eder-Kreis ist das Vorhandensein von sozialen Einrichtungen im Bereich von Großküchen-betrieben. (teilweise unter dem Dach derselben Träger, die auch in der Urproduktion und auf der ersten Stufe der Weiterverarbeitung im Biobereich tätig sind)
Auf dieser Grundlage war es möglich, eine durchgängige Wert-schöpfungskette „vom Acker bis auf den Teller“ konkret darzustellen und darauf „verhandlungsfähige“ Konzeptangebote für Entscheidungsträger zu gründen.
Auf der anderen Seite der Kette stehen im Schwalm-Eder-Kreis ein Schulträger (Landkreis), der die Einrichtung von Ganztagsschulen seit vielen Jahren unterstützt und zunehmend mehr Schulen, die ihr Schulkonzept in diese Richtung weiterentwickeln wollen bzw. müssen. (z.B. Gymnasien, die das 13. Schuljahr einsparen müssen).
Im Landkreis wird in Schulen und anderen Kinderbetreuungseinrich-tungen in den nächsten Jahren ein Bedarf von rund 1,2 Mio. Essen jährlich zu decken sein. Bei einem Durchschnittspreis von 3,-€ beträgt das jährliche Umsatzvolumen damit rund 4,5 Mio. €.
Die damit verbundene Wertschöpfung kann bei entsprechender Einflussnahme auf Entscheidungsprozesse und Organisation der Erzeugungs-, Verarbeitungs- und Dienstleistungsfunktionen im Kreisgebiet wirksam zur Sicherung und Schaffung von Arbeit und Einkommen genutzt werden.
Die grundsätzliche Übereinstimmung in der Zielrichtung war unter diesen Voraussetzungen bei politisch Verantwortlichen im Landkreis Schwalm-Eder schnell erreicht und wurde vom Landrat persönlich unterstützt.
Erste Klärungsgespräche bei der Umsetzung der Projektidee ergaben, dass das Verpflegungskonzept „regional-biologisch“ in folgender Form umgesetzt werden soll:
An mindestens drei Standorten, räumlich verteilt in den Kreisteilen Nord, Mitte und Süd werden bestehende Küchenbetriebe in ein kreisweites Gesamtkonzept eingebunden. (siehe auch Powerpoint Präsentation auf der CD in diesem Band)
Sie werden auf der Absatzseite im Konzept der Warmverpflegung mit interessierten Schulen im Umkreis von maximal 20 km in Verbindung gebracht.
Auf der Seite des Warenbezugs wird die Verbindung zur Urproduktion bzw. den regionalen Betrieben der Weiterverarbeitung hergestellt. 50% der Essens-komponenten sollen von regionalen Biobetrieben, bzw. aus deren Weiterverarbeitung stammen.
Ebenso einbezogen wird der in der Region tätige Naturkostgroßhandel mit der Aufgabe, als Regionalverteiler oder zur Komplettierung des Warenbedarfs zu dienen.
Die wichtigsten Bausteine bei der Umsetzung dieses Konzepts:
• Der erfolgreiche Start in Modellschulen
Um in der ausgewählten Modellschule bei der gesamten Schulgemeinde über die Akzeptanz hinaus eine aktive Mitarbeit zu erreichen, wurde die fachliche Kompetenz des Ökologischen Schullandheims Licherode in die Projektarbeit einbezogen.
• Entwicklung von „Zusatznutzen“ für die Schulen
Ein wichtiger Bestandteil des Konzepts ist die Entwicklung von „Zusatznutzen“ für die Schulen. Der Zusatznutzen besteht u.a. aus dem Angebot, Schulen praktisch durch Hofbesuche und ausgearbeitete Bildungskonzepte zu unterstützen. Den Schulkindern kann so praxisorientiert Wissen und Kompetenz über „gesunde Ernährung“ vermittelt werden. Hierzu wurde ein kreisweit angelegtes Projekt „Ernährungsbildung auf dem Kartoffelacker“ initiiert und durchgeführt. Diese Strategie setzt voraus, dass die beteiligten Akteure der Wertschöpfungsketten erkennen, dass sie ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen erheblich unterstützen können, indem sie sich aktiv über die Produktion hinaus einbringen in die Vermittlung eines regional geprägten Begriffs von „Ernährungskultur“.
• Netzwerk „Gesunde Kinder im Schwalm-Eder-Kreis“
Gesundheitserziehung, gesunde Ernährung an öffentlichen Einrichtungen, Stärkung regionaler Wirtschaftszusammenhänge werden als öffentliche Auf-gaben von unterschiedlichen Institutionen auf der Kreisebene bearbeitet. Wir haben mit unserer Projektarbeit eine Vernetzung organisiert und in diesem Arbeitszusammenhang gemeinsame Aufgabenstellungen entwickelt und umgesetzt.
• Öffentlichkeitswirksame Kommunikation im regionalen Rahmen
Zur Meinungsbildung bei komplexen öffentlichen Aufgabenstellungen ist nicht nur der direkte Dialog mit den Beteiligten auf unterschiedlichsten Entschei-dungsebenen, sondern auch die öffentlichkeitswirksame Kommunikation von Zielen, Arbeitsschritten und Erfolgen von großer Bedeutung.
Drei Fernsehberichte im hessischen Fernsehen, drei Berichte im hessischen Hörfunk sowie achtzehn Berichte in regionalen Printmedien haben wesentlich dazu beigetragen, dass auch in der Öffentlichkeit eine hohe Akzeptanz für das Konzept „regional-biologische Schulverpflegung“ erreicht wurde.