Regionales Nachhaltigkeitsforum Nordhessen

Material

regional-biologische Schulversorgung

Essen für drei Euro

Bauern wollen Schüler verköstigen

Autor: Roland Bunzenthal

Die verkürzte Schulzeit bis zum Abitur (G8) führt in Hessen dazu, dass immer mehr Schüler auch nachmittags Unterricht haben. Das Problem ausreichender, billiger und doch gesunder Mahlzeiten für die Schüler indes ist in der Mehrzahl der weiterführenden Schulen ungelöst. Viele bringen kein Essen von zu Hause mit, kaufen sich lieber Süßigkeiten, Hamburger oder Pizza. Oder sie sitzen mit leerem Magen im Nachmittagsunterricht.

Das berichteten Schulleiter und Lehrer aus Nordhessen bei einem Treffen mit Produzenten und Vermarktern von Bio-Lebensmitteln. Eingeladen hatten die Upländer Bauern-Molkerei und der Verein zur Förderung der Solidarischen Ökonomie in Kassel. Vereinbart wurde ein Arbeitskreis, der unter der Regie des Schulamtes für den Schwalm-Eder-Kreis und den Kreis Waldeck-Frankenberg, in dieser Region nach Kooperationsmöglichkeiten suchen soll. Ziel müsse es sein, betont Ruth Pfannstiel vom Schulamt in Fritzlar, möglichst allen Nachmittagsschülern warmes Bioessen zu einem Preis unter drei Euro anbieten zu können.

Laut Horst Behle von der gastronomischen Beschäftigungsgesellschaft Korbach ist es kein Problem, Lebensmittel bei den Biobauern der Region zu besorgen und an die Schulen zu bringen. Die Schwierigkeit liege darin, kontinuierlich ausreichend große Bestellmengen zusammenzubringen, um einen sozial verträglichen Preis zu erzielen. Er schlägt vor, dass sich jeweils vier oder fünf Schulen zu einem Verbund zusammenschließen. Für den Schwalm-Eder-Kreis kalkuliert Behle anfangs mit etwa 3000 Mahlzeiten täglich.

Für Reinhard Hollstein, Direktor der Gesamtschule Edertal, kommt es darauf an, dass Schulträger, Lehrer, Eltern und die Schüler hinter dem Konzept stehen. Nur so könne eine „Essenskultur in der Schule“ entstehen. Die Schüler sollen in der Großen Pause Essensmarken kaufen, um 13 Uhr würden die bestellten Mahlzeiten geliefert. Die Schulen müssten jedoch für Räumlichkeiten sorgen, die auch zum Essen animierten.

Karin Artzt-Steinbrück von der Upländer Molkerei zitierte Umfragen, wonach 40 Prozent aller Gymnasiasten nicht vor der Schule frühstücken. Die meisten Kinder würden zu wenig pflanzliche und zu wenig Vollkorn-Kost zu sich nehmen. Allein im Schwalm-Eder-Kreis gebe es etwa 30 Biolandwirte, die für einen Ausgleich sorgen könnten.

Ölmüller fürchten das Aus

Rapsöl gilt als sauberer Treibstoff, doch das Ende der Steuerfreiheit behindert den Einsatz

VON ROLAND BUNZENTHAL

Detlev Moebus wollte nicht nur über Klima und Umweltschutz reden, sondern auch etwas tun. 1999 sagten er und ein paar Freunde dem umweltschädlichen Dieselkraftstoff den Kampf an. Mit Rapsöl wollten sie eine ökologische Alternative bieten. So gründete die kleine Gruppe einen Verein zum Betrieb einer Ölmühle.

Der Markt schien günstig, zumal die Bundesregierung versprach, bis mindestens 2009 den Pflanzen-Treibstoff von der Steuer zu befreien. Mittlerweile produziert die Mühle in Frankenberg-Haubern 65 000 Liter Rapsöl pro Jahr. Gedacht ist es für den lokalen Fahrzeugbedarf in der nordhessischen Region. So beliefert Moebus unter anderem den Fuhrpark der Stadt Marburg.

Mittlerweile ist die grüne Euphorie etwas verflogen, Ernüchterung macht sich breit. Das hat einmal mit den steigenden Preisen für Raps zu tun, die viele der 350 Ölmühlen an den Rand des Ruins treiben, wie Dieter Voegelin, Geschäftsführer des Bundesverbandes Pflanzenöle, weiß, zum anderen mit der stufenweisen Abschaffung der Steuerbefreiung zwischen 2008 und 2012.

Nachdem die rot-grüne Bundesregierung 2002 durch die Steuerbegünstigung von Biokraftstoffen einen wahren Boom bei Rapsöl und Biodiesel ausgelöst hatte, kam im vergangenen Jahr die Kehrtwende: Trotz Protesten wurde im Sommer 2006 das neue Energiesteuergesetz verabschiedet, das nach Einschätzung von Voegelin und Moebus in Kürze das Aus für dezentrale Ölmühlen wie die in Haubern bedeuten wird. Dagegen verweist die Regierung auf die im Gegenzug neu eingeführte Beimischungspflicht von zehn Prozent Biodiesel unter den normalen Kraftstoff. Davon spüre er aber nichts, betont Moebus, denn das angereicherte Öl für die Tanks der Dieselfahrzeuge werde von großen Händlern überwiegend im Ausland besorgt. Mit den 16 Cent je Liter, die der Fiskus im ersten Schritt kassiert, schrumpft der Preisvorsprung der Bio-Tankwarte auf nur noch acht bis zehn Cent - zu wenig, um die Umrüstung eines Pkw rentabel zu machen.

Auf zwei Wegen versuchen die Rapsanbauer und -verarbeiter die Wende in der Berliner Energiepolitik im letzten Moment doch noch zu stoppen: Über eine Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe und über den Bundesrat. Die Länderkammer verabschiedete am 9. November eine von drei Ost-Ländern eingebrachte Erklärung, in der die Bundesregierung aufgefordert wird, den Subventionsabbau zeitlich zu strecken. Eine erste Verfassungsbeschwerde von 29 Ölmühlen haben die Karlsruher Richter gar nicht erst angenommen. Ein Steuerpflichtiger könne sich nicht darauf verlassen, dass der Gesetzgeber einmal gewährte Vergünstigungen aufrecht erhält.

Seit mit Rapsöl vor allem immer mehr öffentliche Busse fahren - gerade hat die Stadt Kassel ihren Fuhrpark umgestellt -, bläst die Mineralölindustrie zum Gegenangriff. Die gelb blühende Pflanze verdränge den Anbau von Nahrungsmitteln, kolportieren die Fossil-Lobbyisten, und sie wirke durch die Freisetzung von Lachgas sogar als eine Art Klimakiller. „Wir Bauern wissen sehr wohl, was wir unseren Böden zumuten können“, kommentiert ein Landwirt diese Vorwürfe. Raps lasse sich eben nur in der Fruchtfolge alle drei bis vier Jahre anbauen.

Auch die Agrar- und Energieexperten der drei initiativen Bundesländer scheinen solche Bedenken nicht zu teilen. „Ein Instrument zur Erreichung umwelt- und klimapolitischer Ziele ist der verstärkte Einsatz auch von Biodiesel und Pflanzenölen als Kraftstoffe“, schreiben sie in der Begründung.

Bisher haben Pflanzenöle als Treibstoff einen Marktanteil von einem Prozent. Auf maximal fünf Prozent schätzt Voegelin das Potenzial - aber nur, wenn Diesel sich rascher verteuert als die Ackerpflanzen. Immerhin kommt jetzt erstmals ein Traktor auf den Markt, der ohne Umbau mit Rapsöl läuft. Bei den Pkw-Motoren hingegen entfernt sich die Entwicklung von der Raps-Alternative.

Dem setzt der Elektroingenieur Manfred Boländer ein von ihm entworfenes, individuell programmierbares Steuergerät entgegen. Es erlaube, bei Fahrzeugen mit zwei Tanks automatisch zwischen Pflanzenöl und Diesel zu wechseln. Ob dies hilft, das auf der Meseberger Klausurtagung beschlossene Ziel der Bundesregierung zu erreichen? Danach soll der Anteil der Biokraftstoffe bis zum Jahr 2020 auf 20 Volumenprozent gesteigert werden. Ölmüller Moebus hat da seine Zweifel.

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Dokument erstellt am 12.11.2007 um 17:24:02 Uhr

Erscheinungsdatum 13.11.2007

Abwanderung zehrt Nordhessen weiter aus

VDatum: 17/07/2006

Autor: Roland Bunzenthal

Sommerschule der Stiftung Adam von Trott diskutiert Strategien für eine regionale Entwicklung / Bürgerbeteiligung und Ökologie

Die Versorgung Nordhessens mit Energie, Wasser und Lebensmitteln sollte stärker aus lokaler, ökologisch ausgerichteter Produktion erfolgen und gemeinsam von Bürgern, Betrieben und Kommunen organisiert werden. Dies schlagen Studenten und Dozenten der Uni Kassel vor.

Bebra • Was hat der Werra-Meißner-Kreis in Nordhessen mit Distrikten in Süditalien oder Nordostbrasilien gemeinsam? Die Antwort war diese Woche Thema der „Internationalen Sommerschule“ der Stiftung Adam von Trott in Imshausen bei Bebra: Die Abwanderung von meist jüngeren Arbeitskräften sowie von investierbarem Kapital zehrt die strukturschwachen Regionen weiter aus.

Der Werra-Meißner-Kreis sei in Hessen am stärksten von Abwanderung betroffen, berichtete Horst Pipper vom Amt für Wirtschaftsförderung des Kreises. In einem viertägigen Seminar versuchten Studenten der Uni Kassel zusammen mit Vertretern von Kirchengemeinden, Gewerkschaften, Genossenschaften und der Kommunalpolitik Nordhessens Ansatzpunkte für eine regionale Entwicklungsstrategie zu entwerfen.

Italienische und brasilianische Experten brachten dabei ihre Erfahrungen ein. Das Konzept, an dem die interdisziplinäre Arbeitsgruppe der Uni Kassel unter Leitung von Clarita Müller-Plantenberg seit mehreren Jahren arbeitet, steht unter dem Begriff „Solidarische Ökonomie“.

Die Sommerschüler schlugen in diesem Zusammenhang vor, selbstverwaltete Genossenschaften und Gemeinschaftsbetriebe verstärkt zu fördern, um „regionale Kreisläufe mit ihrer ökologisch und sozial stabilisierenden Wirkung wieder in Gang zu setzen“, erklärte Müller-Plantenberg - die Wir e.G statt der Ich AG. Pipper notierte sich denn auch als Denkanstoß, nicht mehr nur einzelne Existenzgründer zu unterstützen

Im einzelnen präsentierten die Seminarteilnehmer Vorschläge auf den Gebieten Ernährung und Landwirtschaft, Energieversorgung, Ausbildung und Finanzierung von Entwicklung in der Region. Bei einer abschließenden Podiumsdiskussion konfrontierten sie damit die Vertreter nordhessischer Landkreise und Kommunen.

Umstellung auf Rapsöl

Vorschläge wie die Umstellung des öffentlichen Fuhrparks auf Rapsöl, die Gründung genossenschaftlicher Tante-Emma-Läden in den Dörfern oder die Einführung eines Regionalgeldes („Werrataler“, „Kirschblüte“) als Stimulanz lokaler Kreisläufe sind für Siegfried Franke, Wirtschaftsförderer in Waldeck Frankenberg, durchaus realisierbar und zum Teil schon Wirklichkeit. Dagegen zögert er, wenn es darum geht, bei öffentlichen Ausschreibungen nicht den billigsten Anbieter zum Zuge kommen zu lassen, sondern den etwas

teureren, dafür aber selbstverwalteten und lokal ansässigen Handwerker oder Dienstleister. „Wenn wir den Strom vom teureren lokalen Windkraftwerk beziehen wollen, legt sich bestimmt der Gemeinderat quer“, meint Franke. Doch auch der Gemeinderat müsse auf die Arbeitsplätze in der Region wert legen, konterten die Studenten. Außerdem sei Ökostrom nicht teurer, wenn man die gesellschaftlichen Kosten der unterschiedlichen Energiequellen mit berücksichtige.

Roland Bunzenthal

Hintergrund - Gemeinsam geht es besser

VDatum: 18/08/2006

Autor: Roland Bunzenthal

Das neue Genossenschaftsrecht tritt heute in Kraft. Dadurch wird vor allem die Gründung von Selbsthilfe-Kooperativen erleichtert: Die Wir e.G.(eingetragene Genossenschaft) anstelle der Ich AG.

Im März 2005 hatten 28 Arbeitslose in Freiburg die Nase voll von der vergeblichen Jobsuche. Sie gründeten gemeinsam das Serviceunternehmen Sages. Ältere Menschen können dort unterschiedliche Alltags-Dienstleistungen aus einer Hand erhalten - von der Gartenpflege bis zum Einkauf. Fast zur gleichen Zeit starteten kleine Selbstständige und andere Bewohner im Chemnitzer Viertel Sonnenberg eine Stadtteilgenossenschaft. Ziel der Gründung ist die gemeinsame Sanierung des Viertels. 2004 gründeten in Riesa 18 junge, teilweise behinderte Frauen und Männer aus dem Umfeld der Diakonie die Cena et Flora e.G., die mittlerweile fünf Schulen mit frisch gekochtem Essen versorgt und eine Gärtnerei betreibt.

So unterschiedlich ihre Entstehungsgeschichte auch ist, alle drei Unternehmen haben doch eines gemeinsam: Es handelt sich jeweils um Selbsthilfe-Kooperativen. Zwischen der individualistischen Ich-AG und der echten Aktiengesellschaft bietet die klassische Genossenschaft eine Rechtsform, die unter Unternehmensgründern und vor allem sozialen Initiativen zunehmend auf Interesse stößt.

Allerdings haben die e.G.-Gründer bislang höhere Hürden zu überwinden als Personen- oder Kapitalgesellschafter. Sie werden zuvor gleich zweimal geprüft: vom zuständigen Genossenschaftsverband und vom Registergericht. Das erfordert im Schnitt fünf Tage Arbeit und bis zu 3000 Euro Kosten, weiß Burchard Bösche vom Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften. Dazu kommen noch Verbandspflichtbeiträge und Jahresabschlussprüfungen. Für Bösche bedeutet das eine Diskriminierung gegenüber anderen Rechtsformen. Das soll nun anders werden: Genau drei Monate nach der Verabschiedung tritt heute das neue Genossenschaftsrecht in Kraft. So wird künftig die Rechtsform der Genossenschaft auch ausdrücklich für soziale und kulturelle Zwecke geöffnet. Bislang steht im hundertjährigen Gesetz, dass eine Genossenschaft dem „Erwerb und der Wirtschaft“ ihrer Mitglieder dient.

Erleichterter Start

Zudem werde die Gründung solcher F irmen erleichtert, berichtet Burghard Flieger von der Kooperativen-Beratungsfirma Innova, und die allgemeinen Rahmenbedingungen für kleine Genossenschaften würden verbessert. Dazu gehört unter anderem die Senkung der Mindestmitgliederzahl von sieben auf drei und die Möglichkeit, einen einköpfigen Vorstand einzuführen. Außerdem können Kooperativen bis zu zwei Millionen Euro Umsatz von der Jahresabschlussprüfung ausgenommen werden. Das Gesetz erleichtert auch die Kapitalbeschaffung, zum Beispiel indem eine Sachgründung zugelassen wird. Für Flieger kommen die Vorteile der Genossenschaft „in vieler Hinsicht der Situation von Menschen entgegen, die über nicht viel Geld verfügen.“ Im Gegensatz etwa zur GmbH kann sie „viele, auch kleine Finanzierungsanteile für ihre Gründung zusammentragen“. Weiterer Pluspunkt sei das demokratische Grundprinzip von Genossenschaften - „ein Mensch, eine Stimme“. Die relative Gleichheit „motiviert zu mehr Einsatz und stärkt die Identifikation mit dem Betrieb“.

Aus der Arbeit seiner Beratungsfirma weiß Flieger, dass Neugründungen oft „weniger aus Mangel an Finanzkapital als vielmehr aus Mangel an Managementfähigkeiten“ scheitern. Insgesamt biete die Selbsthilfe einer Gruppe von Interessierten und Betroffenen, die sich vernetzen und unterstützen wesentlich größere Überlebenschancen als die Selbsthilfe im Alleingang.

Vor kurzem vergab der Bundesverein zur Förderung des Genossenschaftsgedankens in Solingen einen neu geschaffenen Preis für Ideen und Engagement auf dem Gebiet der Selbsthilfe-Kooperativen. Der erste Preis ging an Cena et Flora in Riesa, der zweite an Sages in Freiburg. Ihnen sei es gelungen, so die Begründung „benachteiligte Menschen in einen anspruchsvollen Prozess partizipativen Lernens und Gestaltens einzubeziehen.“

Hartz IV

Informationsbedürfnis hat stark zugenommen

VDatum: 10/08/2006

Autor: Roland Bunzenthal

Acht lokale Arbeitslosen-Initiativen haben sich in Nordhessen zu einem Netzwerk zusammengeschlossen / Ehrenamtliche Berater helfen den Betroffenen

Günter Schäfer hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Der 58-jährige Facharbeiter für Schweißtechnik ist seit 2004 arbeitslos. Auch wenn die Chancen in seinem Alter gering sind, bewirbt er sich regelmäßig. Doch die Arbeitslosigkeit in seiner Heimatregion Werra-Meißner-Kreis ist hoch, viele Jüngere wandern ab. Sie glauben wie die Mehrzahl der Betroffenen nicht mehr an eine Veränderung der regionalen Arbeitsmärkte.

Schäfer ist nicht der Typ, der untätig zu Hause herumsitzt. 18 bis 20 Stunden in der Woche verbringt er mit der ehrenamtlichen Beratung von anderen Arbeitslosen. Mit Hartz IV habe das Informationsbedürfnis stark zugenommen. Diese Erfahrung haben auch Brigitte Schröder und Oliver Vetter gemacht - die eine in Kassel, der andere im Landkreis Waldeck-Frankenberg. Gemeinsam ist ihnen die unbezahlte Beratungstätigkeit und das Engagement in der lokalen Arbeitslosen-Initiative. Acht solcher Gruppen haben sich in Nordhessen zu einem Netzwerk zusammengeschlossen.

Kommunen „sehr restriktiv“

Oliver Vetters Beratungsgebiet geht weit über das Arbeitslosenrecht hinaus; Schuldner- und Rentenberatung gehören ebenfalls zu seinen Aufgaben. Er selbst bezieht mittlerweile eine Erwerbsminderungsrente. Wichtig sei für Arbeitslose, dass sie couragiert auftreten - sowohl gegenüber den Ämtern als auch bei Bewerbungen. Viele seien jedoch verunsichert, meint Vetter. Hartz IV ist für die meisten Arbeitslosen mit Einkommenseinbußen verbunden, da sind sich alle drei einig. Den Regelsatz von 345 Euro hätten die wenigsten tatsächlich zur Verfügung. Vor allem seien die Kommunen sehr restriktiv bei der Erstattung der Unterkunftskosten. Es dürfe nur vor 1965 gebauter Wohnraum genutzt werden, gleichzeitig müsse man aber moderne Heizungsanlagen vorweisen - „paradox“, meint Brigitte Schröder. Nach ihrer Schätzung seien die Nebenkosten meist ebenfalls nicht ausreichend berücksichtigt. Einem Alleinstehenden bewillige die Agentur allenfalls eine Miete von 200 Euro. Dafür finde man heutzutage keine Wohnung mehr. Zunehmend kämen Erwerbslose in die Beratung, um sich den Bescheid der Behörde erklären zu lassen. Dabei zeigten sich häufig Fehler, so Vetter. Rund 80 Prozent der Besucher könnten Widerspruch einlegen. Tatsächlich tun dies aber nur 20 Prozent. Von den drei Ebenen der Arbeitsmarktpolitik - Agentur, Arbeitsgemeinschaften und Options-Kommunen - übten Letztere am meisten Druck aus. Dadurch hätten sie zwar hohe Vermittlungsquoten, doch klopften die Betroffenen oft schon bald wieder beim Amt an. Veränderungen stellt Schäfer auch bei der beruflichen Fortbildung fest:

Nicht mehr generelle Fähigkeiten würden von den Weiterbildungsträgern gefördert, sondern nur den Bedarf für einen konkreten Arbeitsplatz.

Kritik an Ein-Euro-Jobs

Seit den Hartz-Reformen müssen Arbeitslose mit der Behörde eine Eingliederungsvereinbarung abschließen. Dies sei im Grunde ein gutes Instrument, so Vetter, erhöhe aber bei nicht eingehaltenen Vorgaben die Zahl der Sperrzeiten bei der Leistung. Wenig halten die drei Berater auch von den Ein-Euro-Jobs. In Vetters Landkreis gibt es 1500 davon, aber nur sieben Jobber hätten dadurch eine unbefristete Teilzeitstelle erhalten. Zudem würden die Billig-Jobs einen starken Druck auf die Löhne ausüben.

Für die drei ehrenamtlichen Berater wäre es sicher sinnvoll, ihre Tätigkeit mit einer Festanstellung auf stabile Beine zu stellen. Doch weder Agentur, noch Kommune oder Gewerkschaft sind dazu bereit. Die Gewerkschaften stellten allerdings Büroräume zur Verfügung. Vetter wäre schon froh, wenn es eine kleine Aufwandsentschädigung gäbe. Doch die Gewerkschaften tun sich nach wie vor schwer, die vom Arbeitsmarkt ausgegrenzten Mitglieder zu betreuen. Zum Beispiel veranstaltete Verdi in diesem Jahr nur sechs Seminare für Arbeitslose - derzeit sei der Bedarf in Wirklichkeit zwanzigmal so hoch, schätzt Brigitte Schröder.